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Persönliches

23.02.20235 Minuten Lesezeit

Reizt es Sie nicht doch, in die Politik zu gehen? Oder sind Unternehmer die besseren Weltmanager?

Ich freue mich, dass ich nun, da ich mehr Zeit habe, meine eigenen Projekte verfolgen kann. Dazu gehören z.B. mein Engagement für den Klimaschutz im Rahmen der Stiftung "KlimaWirtschaft" und meine Stiftung Aid by Trade Foundation. Hier kann ich sinnvoll wirken. Auch politisch, wenn Sie so wollen.

Sie haben 2007 den Vorstandsvorsitz der Otto Group abgegeben und sind in den Aufsichtsrat gewechselt. Wann wird an der Spitze der Gruppe wieder ein Mitglied der Familie Otto stehen?

Ich halte nichts von der Rolle des Patriarchen, der nicht loslassen kann. Für mich war immer klar, dass ich den Vorstandsvorsitz zu einem Zeitpunkt, den ich selbst bestimme, abgebe. Wir legen in der Otto Group viel Wert auf die Kontinuität der Unternehmensführung. Damit meine ich nicht, dass ein Familienunternehmen zu jedem Zeitpunkt familiengeführt sein muss. Den Übergang in der Führung auch mit einem familienfremden Manager zu gestalten, erhöht den Gestaltungsspielraum aller Beteiligten. Ich definiere Familienunternehmen deshalb eher über die Unternehmenskultur als über die Abstammung der Unternehmensführung. Zwischen meinem Vater und mir hatte auch ein familienfremder Manager die Firma geleitet. Im Augenblick ist Alexander Birken eine exzellente Besetzung. 

Ihr Sohn Benjamin steht in den Startlöchern, Ihnen zu folgen. Wann und wie planen Sie die Übergabe?

Ich werde die Leitung der Unternehmensgruppe in den kommenden Jahren sukzessive in die Hände meines Sohnes Benjamin legen. Ich möchte in meiner bisherigen Rolle die aktuell sehr bedeutenden Herausforderungen für die Otto Group meistern, bevor ich das Zepter an die nachfolgende Generation übergebe. Benjamin möchte sich gemeinsam mit seiner Frau noch eine Zeitlang vorrangig um seine Stiftung Holistic Foundation kümmern, was ich sehr unterstütze. 

Bei einer möglichen Nachfolge wird immer nur über ihren Sohn, nicht über ihre Tochter gesprochen. Warum?

Meine Tochter hat sich beruflich für die Entwicklungshilfe entschieden. Für sie kommt deshalb meine Nachfolge in der Unternehmensführung nicht in Betracht.

Die Entwicklung des Unternehmens haben Sie von Beginn an erlebt – von der Armut nach dem Krieg bis zum rasanten Aufstieg. Hätten Sie gesellschaftlich anders gehandelt, wenn Sie gleich als reicher Sohn geboren worden wären?

Das kann ich nicht sagen. In jedem Falle hat meine Familiengeschichte mich in meinem Denken und Handeln geprägt. Als wir nach dem Krieg in Hamburg landeten, mussten wir bei Null anfangen. Der Hunger gehörte zum Alltag. Als Junge musste ich mich mit allerhand Gelegenheitsjobs durchschlagen. Ich glaube, das war gut und wichtig für mich und hat mein späteres unternehmerisches Handeln stark beeinflusst.

Wie haben Sie Ihre eigenen Kinder in Sachen Engagement geprägt?

Wichtig war meiner Frau und mir in der Erziehung immer, dass unsere Kinder Achtung und Toleranz gegenüber anderen Menschen haben. Dass sie, wenn sie unternehmerisch tätig sind, von keinem anderen mehr verlangen als von sich selbst, also immer die eigene Person zum Maßstab nehmen. Dass man auch etwas für die Gesellschaft tun muss und nicht nur Forderungen stellen darf. Wenn wir ausschließlich Ansprüche reklamieren und uns selbst nicht einbringen, funktioniert unsere Gesellschaft nicht. Wir haben versucht das vorzuleben und unsere Kinder haben das nicht nur angenommen, sondern es eigenständig mit Überzeugung weiterentwickelt.

Sie lieben die Natur, reisen gerne auf unbekannten Pfaden durch fremde Länder. Luxushotels sind nicht Ihr Ding, oder?

Das ist tatsächlich so. Ich liebe das Abenteuer in der Natur. Bei den Menschen dort finde ich eine so einzigartige Entspannung, die ich sonst nirgendwo anders finden kann. Dort komme ich aus der Hektik des Alltags heraus, reflektiere über mein Leben und komme wieder mit beiden Füßen auf den Boden. Das ist von unschätzbarem Wert. Deshalb reite ich lieber auf einem Pferd ins Tianshan-Gebirge in Kirgistan oder mit einer Karawane durch die Mongolei als mich in einem 5-Sterne-Hotel an den Pool zu legen.

Sie haben im Laufe der Jahre viele wichtige Preise vor allem auf den Gebieten des Managements und des Umweltschutzes erhalten. Wie wichtig ist dies für Sie persönlich? Wie entscheidend ist es für Ihre Arbeit?

Die Preise empfinde ich als Anerkennung meines Engagements und als Ehre, aber zugleich auch als Anerkennung der Arbeit meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie sind zusätzlicher Ansporn für etwas, was ich aber ohnehin täte.

Was macht Sie allgemein besonders zufrieden – und steht das in Konflikt mit einem nachhaltigen Leben?

Mein Lebensglück ist meine Familie. Als Unternehmer macht es mich glücklich, die Unternehmensgruppe wachsen und gedeihen zu sehen. Beides lässt sich in einem gewissen Umfang auch mit einem nachhaltigen Leben in Einklang bringen. Wenn ich reise, dann mit Freude mit meiner Familie oder zum Entspannen, aber gerne auch, um andere Kulturen und Lebensweisen kennen- und verstehen zu lernen.

Schämen Sie sich für umweltschädigendes Verhalten?

Ich schäme mich nicht, aber ich mache mir sehr wohl Gedanken über mein Verhalten und darüber, ob das alles wirklich immer notwendig und geboten ist und den Preis rechtfertigt, den die Umwelt im Zweifel dafür zahlen muss.

Was hindert Sie, umweltfreundlicher zu leben?

Unternehmer müssen flexibel, beweglich und schnell sein, dies gilt für die Großen und die Kleinen gleichermaßen. Was mich tatsächlich hindert, mich noch umweltfreundlicher zu verhalten, als ich dies ohnehin schon tue, ist die Tatsache, dass es bestimmte Technologien auf dem Markt einfach noch nicht gibt, die es einem ermöglichen, Geschwindigkeit und Flexibilität auf einem deutlich umweltbewussteren Niveau zu halten. Nehmen Sie zum Beispiel das Elektro-Auto. Diese Technologie ist toll, aber bei weitem noch nicht so ausgereift, dass man dafür andere ersatzlos streichen könnte. Vor allem kann man damit nicht den Atlantik überqueren.

Prof. Dr. Michael Otto als

Unternehmer

Prof. Dr. Michael Otto als

Bürger