Bürger

Sozialverantwortung

23.02.20233 Minuten Lesezeit

Gerade der Bereich Textilproduktion wird immer wieder kritisch betrachtet. Wie können Sie gewährleisten, dass in fernen Zulieferbetrieben die Produktionsbedingungen herrschen, die nach hiesigen Vorstellungen als nachhaltig und fair gelten?

Die Otto Group ist sich ihrer Verantwortung in der globalen Textilproduktion bereits seit Jahrzehnten bewusst. Wir haben bereits in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts mit freiwilligen Selbstverpflichtungen dazu beigetragen, die Sozialen- und Umwelt-Standards in den Produktionsländern zu verbessern und für sichere und faire Bedingungen entlang der Lieferketten zu sorgen. Mit Weiterbildungsmaßnahmen und Workshops haben wir Themen wie angemessene Löhne, Arbeitssicherheit, kinderfreie Produktion und Umweltschutz in den Produktionsländern bei unseren Lieferanten etabliert. Die Wirksamkeit dieser Maßnahmen haben wir schon lange bevor es das deutsche Lieferkettengesetz überhaupt gab, bei unseren Lieferanten immer wieder selbst überprüft und bei Bedarf angepasst.

Mittlerweile ist dieses Thema, das ja eigentlich etwas mit reiner Menschlichkeit zu tun hat, auch beim europäischen Gesetzgeber angekommen. Ich finde diese Entwicklung gut. Deshalb unterstütze ich auch die aktuelle europäische Initiative, das sogenannte Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, das dazu führen wird, dass wir europaweit einen einheitlichen Mindest-Standard haben werden, unter dem nicht mehr produziert und gehandelt werden darf. 

Als Handels- und Dienstleistungsgruppe bieten wir über unsere Plattformen natürlich auch Artikel von Fremdmarken an. Die Erwartungen an Sozial- und Umweltstandards sind dabei in der „Business Partner Declaration on Sustainability“ festgelegt, die unsere Plattform-Partner unterzeichnen müssen. Die Verantwortung für die Einhaltung der Standards liegt bei ihnen selbst. Aber wenn wir merken, dass etwas nicht stimmt, sprechen wir das sehr konkret an und leiten entsprechende Maßnahmen ein. 

Jedem muss klar sein, dass es trotz aller Regeln und Maßnahmen niemals eine hundertprozentige Garantie gibt – aber das Thema der sozialen und Umwelt-Standards ist inzwischen in vielen Köpfen angekommen. Gemeinsam können wir hier viel bewegen. Umso wichtiger ist der kontinuierliche Dialog, die Kontrolle, die Bereitschaft zur Verbesserung und die Veränderung des Kaufverhaltens.

Wie sollten Ihrer Meinung nach verantwortlicher Handel und nachhaltige Produktion in der Zukunft aussehen?

Unternehmen müssen ihre Lieferketten nachvollziehbar gestalten, faire Arbeitsbedingungen sicherstellen und Ressourcen effizient nutzen. Produkte sollten langlebig, reparierbar und recycelbar sein – im Sinne einer echten Kreislaufwirtschaft. Denn die Kreislaufwirtschaft ist neben konsequentem Klimaschutz die einzig plausible Antwort darauf, wie unser Wirtschaftsmodell innerhalb der planetaren Grenzen funktionieren kann, die Stabilität der Ökosysteme also nicht gefährdet und die Lebensgrundlage des Menschen erhält.

Neben der Einhaltung definierter Umwelt- und Sozialstandards bei den Lieferanten sollte aber auch die Unterstützung der Länder bei der Durchsetzung ihrer nationalen Gesetze mehr Beachtung finden. Die Menschen in den Produktionsländern müssen sich durch den Handel mit uns weiterentwickeln können. Klimaschutz, ein fairer Umgang mit Mitarbeitern und entwicklungspolitische Maßnahmen, die Hilfe zur Selbsthilfe ermöglichen, all das muss mehr in den Fokus rücken.

Und nicht zuletzt ist es wichtig, die Konsumentinnen und Konsumenten durch klare Informationen zu befähigen, nachhaltige Kaufentscheidungen zu treffen.

Woran mangelt es mehr: Stärkerer Rückenwind von den Verbrauchern, damit mehr „grüne“ Produkte in die Regale kommen, oder mehr mutige Unternehmen, die bereit sind, Vorreiter zu spielen?

Nachhaltigkeit und ein entsprechendes Produktangebot brauchen den gemeinsamen Einsatz vieler Akteure. Gefragt ist das Engagement der Wirtschaft ebenso wie das der Politik, das der Medien ebenso wie das der Verbraucherinnen und Verbraucher selbst. Jeder Einzelne, jedes Unternehmen muss sich fragen, was es dazu beitragen kann, verantwortlichen Handel und nachhaltige Produktion zu fördern. Die Konsumentinnen und Konsumenten treffen Kaufentscheidungen zunehmend auf Basis eigener Werte. Die sechste Otto Group Trendstudie hat gezeigt, dass ethischer Konsum trotz schwieriger Rahmenbedingungen weiterhin Mainstream ist und robust bleibt. Dieser Trend ist sicherlich auch mit der Ausweitung des Produktangebots in den letzten Jahren zu erklären, denn nachhaltig deklarierte Produkte gibt es mittlerweile in unterschiedlichen Preisspannen. Die Studie hat aber auch gezeigt, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher entschlossenes Handeln und konkrete Maßnahmen von Unternehmen fordern – andernfalls wird ihnen das Vertrauen entzogen. Je bewusster also den Menschen wird, welche Probleme es zu lösen gilt, umso größer wird auch der Druck auf Unternehmen und auf die Regierungen werden, denn Konsumenten sind gleichzeitig auch Wähler.

Prof. Dr. Michael Otto als

Unternehmer

Prof. Dr. Michael Otto als

Bürger